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Die Kastration von Ferkeln ist gängige Praxis in deutschen und europäischen Schweineställen, damit Verbraucherinnen und Verbrauchern der Fleischkonsum nicht durch den Ebergeruch verdorben wird. Allerdings findet die Kastration ohne Betäubung statt und ist somit für die Tiere mit erheblichen Schmerzen verbunden. In Deutschland, dem größten Schweinefleischproduzenten in Europa, sind jährlich 23 Millionen Ferkel betroffen.
Die Verankerung des Tierschutzes im Grundgesetz und das deutsche Tierschutzgesetz verlangen, dass Tieren ohne vernünftigen Grund keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt werden dürfen. Bislang wird über einen Ausnahmetatbestand die Kastration ohne Betäubung bis zum 7. Lebenstag zugelassen. Tierschützer, Tierärzte, Verbraucherschutzorganisationen sowie Verbände, die die artgerechte Tierhaltung unterstützen, protestieren gegen diese Praxis, weil es inzwischen verschiedene tiergerechte Alternativen zum betäubungslosen Kastrieren gibt.
In anderen europäischen Ländern hat dieser Protest bereits zu Konsequenzen geführt. In Norwegen ist das betäubungslose Kastrieren bereits verboten, die Schweiz will in 2010 folgen. In den Niederlanden hat der Lebensmittelhandel beschlossen, ab 2009 kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Tieren mehr zu vermarkten. Auf europäischer Ebene wurde mit PIGCAR eine internationale Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit der Frage beschäftigt. EU-Kommissarin Fischer-Boel hat nun vorgeschlagen, in der EU-Öko-Verordnung das betäubungslose kastrieren zu verbieten.
Die positiven Beispiele aus den Nachbarländern und die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema in Deutschland waren Anlass für Ulrike Höfken, Sprecherin für Ernährung und Verbraucherfragen, ein Fachgespräch mit dem Titel "Mehr Tierschutz für Nutztiere – Alternativen zur Ferkelkastration ohne Betäubung" zu veranstalten.
Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund stellte die Forderung, das betäubungslose Kastrieren vollständig zu verbieten. Inzwischen seien genügend Alternativmethoden bekannt und Praxis erprobt. Eine davon, die Kastration unter Inhalationsbetäubung, wird inzwischen vom Verband Neuland angewendet. Den Neuland-Betrieben ist die betäubungslose Ferkelkastration seit Mai 2008 verboten, anstelle dessen werden die Tiere mit dem Medikament Isofluran kurzzeitig betäubt und in Narkose kastriert. Die Tiere erhalten außerdem eine Schmerztherapie. Da Isofluran in Deutschland nur vom Tierarzt verabreicht werden darf, bemängelt der Bauernverband Aufwand und Kosten dieser Methode. Von Branchenvertretern wurde gefordert, auch die Methode der CO2-Betäubung, wie sie in den Niederlanden getestet wird, näher unter die Lupe zu nehmen. Der Tierschutzbund lehnt diese Methode allerdings ab, weil häufig Tiere zu gering betäubt werden oder aber getötet werden.
Dr. Peter Spring vom Swiss College for Agriculture und Leiter des Projektes ProSchwein gegen betäubungslose Kastration stellt als weitere Alternativmethode die Immunokastration vor. Über zwei Impfgaben wird die Geschlechtsentwicklung der Eber bis zur Schlachtung gehemmt. Das Mittel wird in Neuseeland, Australien und 14 anderen Ländern angewendet, mit großem Erfolg. Die Zulassung für Europa ist für Anfang 2009 geplant. Obwohl die verabreichten Proteine keine Rückstände im Fleisch hinterlassen, ist es fraglich, ob die Verbraucher diese fälschlicherweise auch als hormonelle Kastration bezeichnete Methode akzeptieren würden.
Die Zuchtentwicklung hin zu Schweinen ohne Ebergeruch steckt ebenso wie das Spermasexing noch in den Kinderschuhen, so dass als weitere Praxis taugliche Methode noch die Jungschweinemast bleibt, bei der die Tiere vor Erreichen der Geschlechtsreife geschlachtet werden. Nachteile sind, dass ein kleiner Anteil von Tieren trotzdem noch Ebergeruch aufweist und zudem noch mehr Tiere gehalten werden müssten, um die gleichen Fleischmengen zu erzeugen. Hilfreich wäre des Weiteren eine Methode, mit der sich Fleisch mit Ebergeruch im Schlachthof erkennen lassen würde. Bislang ist dies nur möglich, wenn Fleischproben erhitzt werden. Mit einer einfachen Nachweismethode hingegen könnte das Fleisch mit Ebergeruch aussortiert und z.B. zu Rohwurst verarbeitet werden, da hier die geschmacklichen Veränderungen nicht auffallen.
Dr. Etgeton vom Verbraucherzentrale Bundesverband forderte mehr Verbraucher-Aufklärung sowohl über das betäubungslose Kastrieren als auch über die Alternativen. Bei der Wahl der besten Alternativmethode müssten die Verbrauchersicherheit, der Tierschutz auch in Abwägung zum Umweltschutz als auch die Wirtschaftlichkeit und die Verbraucherpreise in die Abwägung einbezogen werden. Er forderte politischen Druck in der Sache, damit auch die deutsche Wirtschaft sich mit Alternativmethoden auseinandersetzt.
Vertreter der Ernährungsindustrie, des Handels und des Deutschen Bauernverbandes forderten, die Problematik vorsichtig zu kommunizieren, damit der Schweinefleischabsatz nicht unnötig gefährdet wird. Da die Landwirte letztendlich die Alternativmethoden umsetzen müssen, müssen sie bei der Diskussion einbezogen werden. Auch die Wirtschaftlichkeit der Methode wurde als wichtiger Aspekt genannt.
Ulrike Höfken zog das Fazit, dass es Zeit für die Politik ist zu handeln, auch wenn die Vor- und Nachteile der verschiedenen Alternativmethoden zum betäubungslosen Kastrieren noch nicht restlich geklärt sind. Die Politik muss mit einem Auslaufen der Ausnahmegenehmigung für das betäubungslose Kastrieren ein klares politisches Signal setzen, gleichzeitig aber mit einer praktikablen Übergangsfrist der Branche die nötige Zeit geben, die Alternativen umzusetzen.
Sie forderte die Bundesregierung außerdem dazu auf, sich auch auf EU-Ebene aktiv für die Festsetzung eines endgültigen Verbots des betäubungslosen Kastrierens mit einer praktikablen Übergangsfrist einzusetzen, die Verbraucheraufklärung zum Thema sowie die Beratung der Landwirte zu fördern und die Züchtungsforschung bei der Zucht von Schweinen ohne Ebergeruch durch entsprechende Förderprogramme zu unterstützen, damit die Kastration zukünftig überflüssig wird.
Im Herbst werden Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag zum Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration und zur Unterstützung geeigneter Alternativen in den Deutschen Bundestag einbringen.
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Ulrike Höfken beim Fachgespräch zur Ferkelkastration. |